Gründerzeit21 – Wie ist es um den Standort Berlin bestellt?

Zurück zu den Wurzeln! Unter diesen Erwartungen habe ich heute zum zweiten Mal den Weg zum Anhalter Bahnhof angetreten… diesmal zum Verlag Der Tagesspiegel GmbH, welcher am heutigen Montag gemeinsam mit der Weberbank und dem Verein Berliner Kaufleute und Industrieller e.V. zu einem Meetup zwischen Gründern, Finanziers und Politik geladen haben.

Die Erwartungen waren nicht besonders hoch, schließlich gibt es, gerade in Berlin, in der Gründerhauptstadt Europas, eine Vielzahl von Veranstaltungen zum Thema Entrepreneurship. Die zwei einleitenden Key Notes pointierten den Erfolg des Standort, im Osten nichts Neues, sowie die Sorgen und Nöte von Gründern. Insbesondere letztere wurden sehr verständnisvoll und einfühlend von Klaus Siegers (Vorstandsvorsitzender der Weberbank AG) geschildert – eine unerwartete Erfahrung, die um so mehr Respekt verdient.

Gründerzeit – Zeit für Gründer! Hinsichtlich des Events bleibt zu sagen, dass leider zu viele Dienstleister, den leider zu wenigen Vertretern von Startups entgegenstanden. Als Gründer kam ich mir persönlich zum ersten Mal vor, wie ein Exot. Markus Voigt, Präsident des VBKI, fordert und kündigt mehr Engagement für Startups. Eine wirkungsvolle Empfehlung wäre sicher, neben allen anderen wirklich ansprechenden Angeboten des VBKI für junge Unternehmen, den Beitrag zur Teilnahme an der nächsten Gründerzeit zu senken.

Treffend formulierte Markus Voigt in seiner Keynote „Keine andere Stadt ermöglicht den American Dream so sehr, wie die Hauptstadt.“ und beschreibt damit nicht nur die Erwartungen der Gründer, sondern auch potentieller Investoren. Das Risikokapitalinvestment hat in Deutschland einen anderen Stellenwert, als in den USA. In 2011 wurden lediglich 690 Mio. Euro (ca. 0,02% des BIP), in den USA zum Vergleich 30 Mrd. Euro (ca. 0,2% des BIP) und damit verhältnismäßig 10mal mehr bereitgestellt.

Klaus Sieger bringt eine andere, weniger optimistische Perspektiv in seiner Keynote ins Spiel – er zitiert aktuelle Untersuchungen zum Unternehmensgründungsklima: nur 20% der Befragen finden, dass Unternehmergeist seitens Politik und Gesellschaft ausreichend gefördert wird. Zwei wichtige Aspekte dieser Wahrnehmung sind 1. die fehlende Kultur des Scheiterns und 2. die durchschnittlich neun Behördengänge die Gründer im Zuge der Unternehmensgründung zu erledigen haben.

Einen wichtigen Rat hat Klaus Sieger für die anwesenden Gründungen dennoch parat. Er berichtet von  dem Gründer der Weberbank AG, Hans Weber, der 1966 unerwartet bei einem Reitunfall gestorben ist. Die hinterlassenen 80% Anteil an der Bank führten in der Folge seines Todes zu erheblichen Problemen. Die Lösung: rechtzeitig vorsorgen, d.h. für Sicherheit sorgen, bspw. durch:
  1. Die richtige Wahl der Rechtsform, perspektivisch… also unter Berücksichtigung der Unternehmensentwicklung und aller Unwägbarkeiten, die eintreten können und weniger unter dem Aspekt, was aktuell am leichtesten, schnellsten bzw. günstigsten geht.
  2. Das rechtzeitige Ausstellen von Verfügungsvollmachten, z.B. falls Entscheider des Unternehmens unerwartet auf bestimmte Zeit ausfallen – auch in dem Fall muss der Geschäftsbetrieb aufrecht erhalten werden, d.h. Rechnungen müssen bspw. bezahlt werden, wozu z.B. eine Bankvollmacht vonnöten ist.
  3. Last but not least… ein Testament, das regelt Angelegenheiten im schlimmsten aller Fälle.
Ein letzter Aspekt aus dem Podium „Ideen & Kapital“ – die Anwesenden scheinen die Möglichkeiten der Gründer zu überschätzen, so glauben sie mehrheitlich, ein Businessplan koste kein Geld, weil man den selbst anfertigen könne und somit lediglich Zeit investieren müsse. Die Realität sieht anders aus!

Hier noch ein paar Statements:
„90% der Buisnesspläne stimmen, aber viel später, als es erwartet wurde!“ (Peter Zühlsdorf)

„Wir sind nicht in einer Bananenrepublik, in der wir uns freuen, sauberes Trinkwasser zu haben.“ (Dr. Andreas Eckert zum Thema „keine großen Interneterfolge in Deutschland möglich“)

„Gründer müssen Ideen verkaufen können. Die Samwers sind der Saint-Exupéry der Startup Szene.“ (Peter Zühlsdorf)


Fazit:

Berlin scheint, aufgrund der Gegebenheiten zumindest aktuell die attraktivste Stadt für Startups zu sein – auch über die Grenzen Deutschlands hinaus, insbesondere aus Holland und skandinavischen Ländern kommen Gründer bevorzugt nach Berlin. Die Stadt hat vor allen anderen Großstädten Deutschlands einen riesigen Vorsprung, den Politik und Wirtschaft stützen müssen. Mein Eindruck, auch von der gestrigen Gründerzeit ist, dass beide jedoch keinen blassen Schimmer haben, wie das erreicht werden kann. Die Investments der Buisness Angels sind in Deutschland von durchschnittlich 100.000 EUR  in 2009/2010 auf nur noch 22.000 EUR pro Investment in 2012 zurückgegangen. Also alles nur Lippenbekenntnisse, liebe Wirtschaft?
Quelle: Tagesspiegel, ET 04. Dezember 2012

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